Du weißt es doch längst, oder?
Aber was, wenn ich mich heute entscheide und in drei Jahren alles bereue?
Ich stehe in der Küche, mein Handy am Ohr und rede wie wild auf einen Freund ein. Er steckt fest, weiß nicht, was er tun soll. Ich spüre seine Not, bin überzeugt, dass ich weiß, was ihm weiterhelfen würde. Ich bin in Eile, habe wenig Zeit, will aber unbedingt, dass ihm klar wird, worum es meiner Meinung nach geht. Meine Druckbetankung funktioniert aber nicht.
Beim Zuhören merke ich, wie meine Ungeduld wächst.
Er dreht sich im Kreis, sagt: „Aber es gibt noch so viel zu berücksichtigen, so viele Aspekte, die erst noch durchdacht und besprochen werden müssen.“
Eine weitere Runde Gedankenarbeit. Vielleicht hilft die ja.
Spoiler: Sie hilft nicht.
Am liebsten würde ich „Stopp!” rufen und ihm sagen, dass es hier einfach nur um Entscheidungsangst und Verantwortungsübernahme geht. Dass es für eine Entscheidung nicht noch mehr Grübelei braucht und dass es keine Garantie gibt.
Glücklicherweise bekomme ich mich noch rechtzeitig selbst mit und muss innerlich über mich lachen.
„Einfach nur Entscheidungsangst…“ Joycelen, was ist denn los mit dir?, denke ich.
Im Coaching begleite ich anders. Da würde ich niemals so mit der Tür ins Haus fallen.
Okay, zugegeben: Hier bin ich nicht als Coachin unterwegs, aber das heißt ja nicht, dass ich nicht aus derselben Haltung heraus agieren kann.
Zumal ich ihn wirklich verstehen kann. Ich kenne sie auch, die Angst davor, mich festzulegen. Die Sorge, nach einer Weile zurückzuschauen und zu denken: Das war ein Fehler.
Ja. Das fühlt sich schrecklich an.
Er sitzt in einer klassischen Entscheidungssituation. Die Frage ist dabei nicht: „Soll ich A oder B tun?“ Die Frage ist viel eher: Wie halte ich es aus, mich zu entscheiden und dann mit den Konsequenzen zu leben?
Es ist nachvollziehbar, dass du es hinauszögern willst.
Unbequeme Entscheidungen bedeuten, dass du danach vielleicht mit Unsicherheit,
Zweifeln oder vielleicht auch Bedauern leben musst.
Hier liegt das Problem also weniger im Nicht-Wissen. Es ist die Angst vor der Verantwortung, die mit der Entscheidung einhergeht. Diese Angst lässt sich nicht mit dem Verstand wegdiskutieren.
Was passiert stattdessen?
Man denkt und denkt. Man wälzt Szenarien, berücksichtigt Details, spricht mit allen möglichen Menschen, in der Hoffnung, dass irgendwann ein erlösender Gedanke kommt.
Puh, geschafft. Problem gelöst. Angst weg.
Doch genau das passiert meist nicht.
Der Arzt und Psychotherapeut Dr. med. Gunther Schmidt spricht in diesem Zusammenhang von „Problemtrance“: Eine intensive Fokussierung auf das Problem, die wie ein tranceähnlicher Zustand wirkt. Je mehr du nachgrübelst, desto enger wird der gedankliche Kreis und desto gelähmter fühlst du dich.
Das hier ist kein Denkproblem. Es ist ein Zustand, in dem sich ein Gefühl (vor allem Angst und Verantwortungsdruck) in dir verfestigt und dich regelrecht blockiert. Deshalb führt noch mehr Nachdenken auch nicht zur Lösung.
Entscheidungen zu treffen bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.
Das heißt, du wählst und lebst mit dem, was daraus folgt. Dabei können Unsicherheit, Angst oder Zweifel auftauchen. Das kann dir niemand abnehmen.
Als Außenstehende konnte ich bei meinem Freund schnell sehen, dass seine Entscheidung im Grunde längst gefallen war. Sprache, Ausdruck und Körperspannung unterscheiden sich deutlich, je nachdem, ob er von A oder B sprach. Aber es bringt nichts, ihm das einfach zu sagen.
Denn Klarheit entsteht selten durch noch mehr Input von außen. Sie entsteht, wenn sich innerlich etwas sortieren darf.
Genau da wird es alleine oft schwierig.
Wenn du mitten in dieser Schleife steckst und dich im Kreis drehst, geht es nicht darum, noch länger zu analysieren. Es geht darum, einen Schritt herauszutreten. Abstand schaffen. Raus aus der Problemtrance.
Und genau dafür braucht es manchmal Unterstützung.
Nicht, um die Entscheidung für dich zu treffen, sondern um dir dabei zu helfen, deine eigene Klarheit wiederzufinden. Das zu erlauben, was du längst weißt, aber noch nicht halten kannst.
»Bewusster mit den eigenen Gedanken, Gefühlen und Empfindungen umgehen,
sie beruhigen und wieder handlungsfähig werden.« — J. U.
Im Coaching liegt ein zentraler Schritt auch darin, deiner Angst verständnisvoll zu begegnen und gemeinsam zu schauen, was dir hilft, die Verantwortung gut zu tragen.
Es geht also primär gar nicht um die Entscheidung selbst, sondern um die Frage, ob du dir zutraust, mit dem zu leben, was daraus entsteht.
Falls du fürchtest, dass du dich später mit Selbstvorwürfen geißeln wirst, kann ein anderer Blick helfen. Nämlich der Blick auf dich hier und jetzt. Auf die Person, die heute mit dem Wissen, das ihr jetzt zur Verfügung steht, mit vielen Gefühlen und einem großen Wunsch nach „richtig machen” vor einer Entscheidung steht.
Diese Person kann wahrscheinlich nicht alles perfekt lösen. Sie kann sich jedoch selbst so gut es geht unterstützen und sich immer wieder verständnisvoll in Erinnerung rufen, dass sie es so gut macht, wie sie kann.
Was dir hilft, statt gnadenloser Selbstvorwürfe Verantwortung neu zu denken, findest du in diesem Blogartikel:
Lass Herzen da, lass Resonanz da!
Love to walk with you
Joycelen


